Unsere Kinderpsychologin Stefanie Heer hat am 1. März ihre Arbeit aufgenommen. Erste Eindrücke, Ergebnisse und Entwicklungen schildert sie ab sofort in unserer Dokureihe.
Heute: Stefanie Heer. Bericht über den ersten Monat ihrer Tätigkeit als Diplom-Psychologin im Kinderherzzentrum.
Allgemeines:Nach etwa einem Monat habe ich mich gut eingelebt und werde auf den Stationen von Schwestern, Pflegern und Ärztinnen sehr freundlich aufgenommen. Ich bin jeweils Dienstags und Donnerstags von 8.30 bis 12.30 Uhr auf der Station anwesend und versuche in dieser Zeit, möglichst mit allen Eltern und Kindern auf den Stationen K1 und K2 persönlich zu sprechen. Diese Regelmäßigkeit stellt sich als sehr bedeutsam heraus, denn durch die fehlende räumliche Präsenz ist dies die einzige Möglichkeit für die Eltern, mit mir Kontakt aufzunehmen. Darüber hinaus bauen sich durch die regelmäßigen Kontakte auch etwaige Berührungsängste ab, so dass auch zunächst skeptische Eltern ein Gesprächsangebot annehmen können. Es zeigt sich schon jetzt, dass meine Arbeitszeit nicht ausreicht, um tatsächlich regelmäßig mit allen Eltern bzw. Kindern zu sprechen.
Intensiv betreute PatientinnenIm März 2010 habe ich neben den Patienten, die „nur“ akut belastet sind, drei Patientinnen identifiziert und betreut, die eine intensivere Betreuung brauchten:
1. Massive Zukunftsängste nach Zwillingsgeburt
Frau X wurde durch massive Zukunftsängste und überhöhte Selbstansprüche so belastet, dass sie fürchtete, handlungsunfähig zu werden. Sie hat Zwillinge im Alter von wenigen Wochen, von denen ein Kind gesund, das andere durch ein Hypoplastischeslinksherz- Syndrom schwerst erkrankt ist. In mehreren Gesprächen gelang es, Frau X ihre überhöhten Ansprüche an sich als Mutter an ihre tatsächliche Situation anzupassen. Es wurden Ressourcen identifiziert, die ihr bei der Alltagsbewältigung helfen können. Gleichzeitig wurde ihr Kontakt zu einer Elterninitiative von Zwillingseltern sowie mit Zwillingseltern vermittelt, die ebenfalls ein gesundes und ein Kind mit einem Hypoplastischen Linksherzsyndrom haben. Frau X hat durch die Gespräche ihre Ängste relativieren und einen Weg finden können, trotz der anstehenden Belastungen beruhigt nach Hause zu gehen.
2. Posttraumatische Belastungsstörung nach der GeburtFrau M äußerte im Gespräch beginnende Angstsymptome und massive Schlafstörungen. Sie war nach der Geburt ihrer Tochter unerwartet mit der Diagnose Herzfehler konfrontiert worden. Mutter und Kind wurden nach St. Augustin verlegt, dies bedeutete jedoch eine räumliche Trennung vom vertrauten familiären Umfeld. Die Patientin stand ohnehin unter starkem psychischem Druck, sie lebte in Scheidung von ihrem ersten Ehemann, ihr neuer Lebenspartner und Kindsvater ist bei der Bundeswehr und konnte weder zur Geburt noch zur Begleitung während des stationären Aufenthalts nach Deutschland kommen, so dass die Patientin alles allein durchstehen musste.
Während ihrer Ehe wurde Frau M wiederholt schwer von ihrem Mann misshandelt, dies brachte sogar längere Krankenhausaufenthalte mit sich. Zusätzlich zu den körperlichen Verletzungen hat die Patientin eine so genannte posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt. Dabei handelt es sich um eine schwerwiegende psychische Reaktion auf ein belastendes außergewöhnliches Ereignis (in diesem Fall eine Reaktion auf die körperlichen Misshandlungen). Symptome zeigen sich z. B. durch auffällige Anspannung und Schreckhaftigkeit, Flash-backs (Wiedererleben der bedrohlichen Situation), innere Erstarrung und verschiedener depressiver Symptome. In diesem Fall bekam die Patientin zur Linderung der Symptomatik Medikamente, die sie jedoch zu Beginn der Schwangerschaft abrupt absetzte.
Durch die akut belastete Lebenssituation nach der Geburt war diese Patientin nun erheblich gefährdet, erneut Symptome der PTBS zu entwickeln und bedurfte deshalb einer intensiveren Betreuung. In verschiedenen Gesprächen wurde die Patientin in verschiedene Entspannungstechniken eingewiesen, die sie in belastenden Situationen ausführen sollte, um das Auftreten möglicher Flash-backs zu verhindern. Es wurden Umgangsweisen mit Alltagsängsten besprochen; dabei ging es vor allem darum, sich den angstbesetzten Situationen zu stellen, um eine Ausweitung der Symptomatik zu verhindern. Nach der Entlassung aus der Klinik wird Frau M erneut Kontakt mit ihrem behandelnden Psychiater aufnehmen und dort eine Fortsetzung der Therapie einleiten.
3. Massive Schuldgefühle einer DrittgebärendenEbenfalls intensiver begleitet wurde Frau K, die nach zwei gesunden Kindern ein drittes Kind bekam. Die Geburt verlief dramatisch und wurde von der Patientin als „lebensbedrohlich für das Kind“ eingeschätzt. Wegen einer, intensivmedizinisch erforderlichen Versorgung wurde das Kind unmittelbar nach der Geburt von der Mutter getrennt, erst Stunden später wurden die Eltern über den Zustand des Kindes informiert und bekamen die Diagnose: Herzfehler mitgeteilt. Einige Tage später wurden die Eltern dann mit der Mitteilung konfrontiert, dass das Kind zusätzlich unter einer Trisomie 21 leide.
In diesem Fall wurde eine intensive Betreuung erforderlich, um der Mutter wieder zu einem entspannten Umgang mit ihrem Kind zu verhelfen und die Schuldgefühle zu lindern, die für sie aus dem Gefühl heraus entstanden, zu spät in die Klinik gefahren und damit maßgeblich für den traumatischen Geburtsverlauf verantwortlich zu sein. Hier wurde zunächst der Geburtsverlauf ausführlich besprochen und unrealistische Eindrücke wurden korrigiert. Es gelang Frau K in den Gesprächen, ihre ambivalenten Gefühle dem Kind gegenüber auszusprechen. Dadurch konnte sie im Umgang mit dem Kind entspannter werden und seine Erkrankung hinnehmen, ohne sie als persönliches Versagen zu werten.
Risikofaktor Postpartale Depression – Einblick in eine unterschätzte Krankheit
Eine psychologische Begleitung der Mütter nach schwierigen Situationen in der Schwangerschaft bzw. unter der Geburt ist eine unerlässliche Hilfe, um die Entstehung einer möglichen Postpartalen Depression (PPD) zu verhindern. Eine PPD gilt als die häufigste Komplikation im Wochenbett.
Symptome sind vielfältig und entsprechen denen einer depressiven Störung in anderen Lebensphasen (depressive Verstimmung/Traurigkeit, Verlust an Freude und Interesse, Suizidvorstellungen, Appetit- und Schlafstörungen). Hinzu kommen zusätzlich ambivalente, fehlende oder negative Gefühle dem Kind gegenüber. Besonders traumatische Ereignisse während der Schwangerschaft bilden einen Risikofaktor für die Entstehung einer PPD; dazu „zählen auch Erlebnisse im Zusammenhang mit der Pränataldiagnostik, so die Mitteilung, dass ein behindertes Kind geboren wird“. Durch die Erfahrung, ein krankes Kind geboren zu haben, die damit verbundene abrupte Trennung vom Neugeborenen, sowie die intensivmedizinische Betreuung des Kindes verstärkt sich die akute Belastung der Eltern, womit das Erkrankungsrisiko zunimmt.
Dies alles haben die Mütter während des Wochenbetts zu verarbeiten, einer Lebensphase, die ohnehin durch große psychische Labilität gekennzeichnet ist. Belastungen in dieser frühen Phase des Elternseins können die Beziehungsaufnahme zum Neugeborenen erheblich beeinflussen und sehr nachhaltig auf die Entwicklung der Kinder einwirken. So ergaben „Langzeituntersuchungen an Kindern, deren psychisch kranken Mütter nicht behandelt wurden,...., dass ihre (neuro)biologische, kognitive und emotionale Entwicklung beeinträchtigt ist, auch dann, wenn die Krankheit der Mutter auf den ersten Lebensmonat beschränkt bleibt. Es gibt Hinweise, dass kinderpsychiatrische Symptome gehäuft auftreten: vermehrte Ängstlichkeit, vermehrte Depressivität, sozial schwieriges Verhalten etc. In der frühen Kindheit werden vermehrt Regulationsstörungen sowie Schrei-, Schlaf- oder Fütterstörungen beobachtet.“ (Salis, 2007). Somit ist eine frühzeitige Unterstützung akut belasteter Mütter unbedingt erforderlich.
